"Hier hat das Leben eine ungemeine Kraft !
Aber wir brauchen Hilfe von außen, um uns aufzurichten."

Zeugnisse der Kleinen Schwestern in Haiti nach dem schrecklichen Erdbeben:

Zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben gelang es endlich, mit den Kleinen Schwestern in Haiti zu kommunizieren. Sie sind - fast wie durch ein Wunder - alle am Leben und versuchen nun, so gut es geht, ihren Nachbarn, Bekannten und den Menschen in ihrem Viertel beizustehen und mit ihnen einen Weg in die Zukunft zu suchen.


Mail der Kleinen Schwestern vom 15.1.2010:

Liebe Schwestern, ich bin bei der Gemmeinschaft der "Töchter Jesu", habt vielen Dank für all eure Mails. Ich kann euch beruhigen, wir leben alle. Aber die Situation ist sehr schwierig und wir empfinden eine grosse Ohnmacht angesichts all der vielen Probleme. Alle leben auf der Strasse und die ganze Stadt ist ein einziges Flüchtlingslager. Es gibt ständig Nachbeben, das ist schlimm für alle, denn der Körper reagiert darauf mit Angst und Panik, man kann das kaum kontrollieren. Alle Kommunikationswege sind zusammengebrochen, wir schlafen mit den Leuten draussen im Freien..

Das Dach der eingestürzten Schule Es herrscht das totale Chaos und noch kommt die internationale Hilfe nicht an. Die lokalen Helfer sind selbst hilflos...
Wir bauen fest auf euer Gebet: Haiti ist sich selbst überlassen und wir warten auf Hilfe. Sagt unseren Familien, dass wir leben, alles was ihr in Erfahrung bringen könnt , um sie zu beruhigen. Sei ganz fest umarmt von uns allen hier.

Die Erde bebt wieder, ich muss euch lassen...


Nach einem Interview von Radio Vatikan mit Kl. Sr. Luisa (18.1.)
Luisa erzählte davon, dass im Viertel alle Menschen, die überlebt haben, draussen auf den kleinen Plätzen schlafen. Das Viertel ist sehr eng, viele Häuser sind überinandergefallen, wie Kartenhäuser und so sind viele Gassen einfach nicht mehr zugänglich und die Leute dort begraben. Im Grunde gibt es im ganzen Viertel nur noch eine Strasse, die diesen Namen verdient. Deswegen ist es ganz schwer vorwärtszukommen , alles liegt übereinander.
Ein paar Wasserkanister haben die Schwestern über eine persönliche Beziehung zu Helfern aus Santo Domingo bekommen können, aber das ist ein Tropfen auf den heissen Stein, die Menschen haben so Durst. Man weiss von den Hilfsgütern am Flughafen und niemand versteht, warum keiner kommt. Vielleicht morgen ??
Den ganzen Tag sind die Schwestern damit beschäftigt, zu versuchen an Hilfsgüter zu kommen, vor allem Luisa und Chantal. Monique kümmert sich um die Kranken, Milourde um die Familien und die vielen, vielen herumirrenden Kinder.
Wenn in unserer Schule auch keine Kinder gestorben sind, weil der Unterrricht schon beendet war, so ist das in der kommunalen Schule anders gewesen. Dort waren die Kinder, die im 2. Turnus nachmittags Unterricht haben, im Gebäude und so viele sind gestorben sagt Luisa im Interview. Über 20 haben die Menschen tot aus den Trummern geborgen, die anderen sind dort begraben.
Auf die Frage , was denn die Bevölkerung nun am Dringendsten braucht, sagt sie (neben den Dringlichkeiten von Wasser und Nahrung ), Solidarität von aussen, Hilfe, um weitergehen zu können. Das ganze Viertel wimmelt ja von jungen Leuten, denen muss das Nötige gegeben werden, um aufzustehen und sich organiseren zu können, alles, einfach alles ist zerstört hier. Aber es ist auch viel Leben da, die Bevölkerung ist ja so jung und alle, die können, wollen was tun, unsere haitianische Schwester singt mit den Kindern, hier hat das Leben eine ungemeine Kraft ! Aber wir brauchen Hilfe von aussen, um uns aufzurichten.

Nachrichten vom Generalrat, 21.1.2010
Seit dem fürchterlichen Erdbeben, das die Haitianer so schlimm getroffen hat, ist bereits eine Woche vergangen. Je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher wird das Ausmaß dieser Katastrophe sichtbar. Wir bemerken auch die Kraft der Ausdauer und den Lebenswillen dieses Volkes, das schon so viel erleiden musste.
Wir haben gerade per Telefon mit unseren Schwestern gesprochen, es geht ihnen gut. Sie organisieren die Nahrungsverteilung im Viertel; sie erhalten Hilfe von den Jesuiten und vom italienischen Konsulat, das sich in der Nähe des Viertels befindet.
Sie erwarten ungeduldig die Reislieferung, das ist, worauf die Leute warten und was den Magen füllt.
Die Stimmung ist voller Solidarität und Hilfe, weit entfernt von den starken Spannungen, die im Zentrum von Port-au-Prince herrschen. Vor kurzem hat sich ein Ärzteteam vor dem Haus [der Schwestern] niedergelassen.
Kl. Sr. Milourde mit Kindern des Viertels

Das Viertel organisiert sich, der Markt hat seine Arbeit wieder aufgenommen, die Leute beginnen aufzuräumen, zu waschen und zu putzen.

Medizinische Versorgung eines Kleinkindes Während des Telefonates hat Luisa gerade gekocht, Milourde war im Viertel um die Liste der Kinder und derer zu schreiben, die die meisten Schwierigkeiten haben, Chantal hat mit den Ärzten gesprochen. Wir haben die Hubschrauber gehört, das Leben beginnt wieder.
Die Kommunikation ist leichter seit ein Stromaggregat installiert wurde, das das Aufladen der Handys ermöglicht. Für uns Schwestern ist dies eine große Erleichterung. Das Benzin, das benötigt wird um das Aggregat zu betreiben ist sehr teuer - man findet es auf dem Schwarzmarkt, das ist die dunkle Seite der Situation. Aber davon abgesehen, herrscht Solidarität, das darf man nicht vergessen. Das Abrufen der Emails bleibt hingegen schwierig!


Heute Morgen gab es ein weiteres starkes Beben, die Leute leben immer noch draußen, ängstlich… Heute schien die Sonne, nachdem der gestrige Tag bewölkt war und Regen befürchten ließ, was ein zusätzliches Problem gewesen wäre. Alle schlafen unter freiem Himmel, ohne Obdach. Zelte sollen in den nächsten Tagen geliefert werden.
Wir haben auch mit Armelle gesprochen, die zusammen mit Maria in Pandiassou ist, wo 3000 Flüchtlinge von den Fraternités de l'Incarnation aufgenommen werden sollen. Eine Delegation der französischen Botschaft hat sich dort eingefunden, um die Aufnahmestellen und die Nahrungsverteilung zu besuchen und zu organisieren. Samstag wird die Stadt Port-au-Prince zusammenkommen um Abschied vom Erzbischof und den Ordensleuten / Geistlichen zu nehmen, die ihr Leben bei diesem Erdbeben verloren haben. Die Kirche des Landes wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Wir haben die Schwestern Ihrer Solidarität und Ihrer Gebete versichert. Sie spüren das und danken Ihnen allen.
Weiterhin alles Gute für jede von Ihnen, in Kommunion mit unseren Schwestern Carla

Nachrichten vom 21.1.:

Ich kann euch heute noch "gute Nachrichten" aus Haiti bringen. Catherine aus unserer Gemeinschaft in Pierrefitte hat heute selbst mit Chantal sprechen können, das Telefon funktioniert wieder einigermassen. Sie hat uns erzählt, dass sich langsam wirklich die Dinge finden, dass die Schwestern für 21 " Sammlungspunkte" in 3 benachbarten Vierteln die Nahrungs- und Wasserverteilung organisieren und dass das mit Hilfe des italienischen Konsulates und der Jesuiten nun endlich einigermasssen klappt.

Ein Versorgungslaster bringt Hilfe An dem Sammlungspunkt, an dem die Schwestern schlafen, sind etwa 400 Leute, an anderen Punkten 60 oder 80 oder 600. Die Zeichen stehen im Viertel wirklich auf "Solidarität", Milourde, unsere haitianische Schwester, versammelt alle Leute ,die irgendwie mit anpacken können, und gemeinsam versuchen sie, die Bedürfnisse zu klären und sich zu organisieren.
Junge Männer "sichern" die Nahrungsverteilung, Frauen suchen das Viertel nach umherirrenden Kindern ab, andere organisieren Gemeinschaftsküchen, endlich gab es Milchpulver für die Kinder und zum ersten Mal auch genügend Nahrung für alle... Nachts wacht jemand über den Schlaf der anderen, jeder packt an wo er er kann.

Chantal hat in dem, was von der Schule übrig ist, die Dinge " retten können" , die irgendwie von Wert waren und hat mit Helfern heute Material zusammengetragen, um mit den Lehrern und Helfern die Kinder zu versammeln, zu malen, zu erzählen, damit die Kinder zur Sprache bringen können, was sie da die letzte Woche erlebt haben. Viel Bilder werden gemalt...
Die Schwerkranken sind nun alle in ein Lazarett oder Feldkrankenhaus gebracht worden, es ist auch Verbandsmaterial angekommen und ein Team behandelt die Menschen, die vor Ort bleiben können. Die Schwestern haben tagsüber auch in ihr Haus gehen können und feststellen dass der Anbau noch steht und zu gebrauchen ist, auch wenn natürlich niemand dort schlafen kann, denn es bebt ständig. Aber tagsüber kann dieser Teil des Hauses genutzt werden.
Morgen versammelt sich die Kirche Haitis, um eine Messe für den verstorbenen Erzbischof und die 100 Priester und Ordensleute und Seminaristen zu feiern, die die Kirche von Haiti verloren hat. Die Schwestern beten mit ihren Nachbarn... unser Kloster ist ja jetzt die Strasse und die Menschen nehmen gerne an den Gebetszeiten der Schwestern teil. Die Frage nach Gott in alledem ist allgegenwärtig.
Kl Sr Armelle und Maria und die "Brüder von der Menschwerdung" sind im Norden des Landes in Hinche, um dort die Unterbringung von 3000 Menschen aus Port au Prince zu organisieren, die alles verloren haben und die nun versuchen wollen, sich im vom Erdbeben verschonten Norden anzusiedeln. Es ist so wichtig nun zu helfen, dass die Leute in ihrem Land bleiben können und nicht den Flüchtlingsstrom nach Santo Domingo oder gar Amerika vergrössern. Das geschieht mit Unterstützung des französischen Konsulates.