Ein Jahr voller neuer Eindrücke...
Vanna erzählt von ihren ersten Schritten im Ordensleben

Vanna, Italienerin (27), hat ihr Postulatsjahr, die erste Etappe des Ordenslebens, in der Gemeinschaft in Mulhouse gelebt:

Da bin ich nun, mit einem kleinen Kreuzanhänger als Zeichen dafür, dass ich Christus in der Fraternität folgen möchte.

Vanna
Dieses Jahr war reich an Veränderungen, an neuen Realitäten, an neuen Gesichtern, an Gruppen, an neuen Aufgaben und schließlich auch einer neuen Sprache und Kultur. Was möchte ich euch von alldem erzählen? Ich hätte sehr viel zu berichten, aber mir erscheint folgende Tatsache am wichtigsten: dass ich trotz all dieser Veränderungen und neuen Erfahrungen ich selbst geblieben bin. Ich fühlte mich wohl in Mulhouse, und im Tiefsten meines Inneren als bei mir selbst angekommen. Eine Kleine Schwester sagte mir einmal: Standfestigkeit, die findet man in Christus. Ich bin sehr ergriffen, dass mir diese Gnade geschenkt wurde.

Zuhören, um auf Seine Liebe zu antworten: Mit diesem "Gefühl" und Wunsch begann ich mein Postulat in Mulhouse. Meine Tage wurden durch das Leben in der Gemeinschaft, das Gebet, die Arbeit als Kellnerin in einem Restaurant und vielen reichen Begegnungen geprägt. Gerne erzähle ich euch ein paar Geschichten aus meinem alltäglichen Leben, jeder Tag war ja etwas Besonderes.

Schuhe als Zeichen der Begegnung
Geht man durch den Flur der Gemeinschaft in Mulhouse, ist Vorsicht geraten: Man könnte über im Weg liegende Schuhe stolpern!
Das Bild der neben der Kapellentür aufgereihten Schuhe gefällt mir gut. Sie sind ein Zeichen dafür, dass gerade jemand in der Kapelle betet. Immer wieder laden mich diese Schuhe ein, auch die meinen ausziehen und mich der Heiligkeit dieses Momentes hinzugeben.

Eine zerbrochene Tür

"Ich gehe zu B.", sagte mir eine Kleine Schwester, "sie wohnt ganz allein sieben Etagen über uns. Sie hat eine psychiatrische Krankheit. In ihrer Wohnung ist nichts, nur ein Tisch, ein Bett und ein Herd. Ich werde ihr etwas zu essen bringen, da sich ihre Tür nicht mehr abschließen lässt. Unter diesen Umständen kann sie die Wohnung nicht verlassen, um einkaufen zu gehen. Da sie nicht im Krankenhaus erschien und die notwendigen Medikamente einnahm, brach die Polizei ihre Wohnungstür auf. Wir werden warten müssen, bis sich ihre Betreuerin um die Angelegenheit kümmert und solange helfen wir aus."
Im Viertel der Kleinen Schwestern
Die Tür von B. wurde einen Tag vor meiner Ankunft aufgebrochen und ich lernte so gleich die "raue Seite" unseres Stadtteils kennen. Im Vergleich zu all den anderen erlebten oder erzählten Geschichten war dies nur eine Kleinigkeit!!!! Das Stadtviertel "Les Côteaux" ist ein Ort verschiedener Kulturen, Nationalitäten und Bedürfnissen. Man spürt hier sofort die Armut unseres zivilisierten Abendlandes! Ich traf auf Realitäten, die ich bis dahin nur von Weitem kannte: Einsamkeit, Isolation, psychiatrische Krankheit, Gewalttätigkeit, ökonomische, affektive und soziale Armut, Abwesenheit von Liebe... Ich bleibe bestürzt!
Eine Blume in der Wüste
Eine Blume in der Wüste

Zur gleichen Zeit, im Kontrast zu dem eben Geschilderten, eine wundervolle Seite unseres Stadtteils: der Reichtum an Mitmenschlichkeit, die Solidarität, die Aufnahme, das Miteinanderteilen, das Lachen, der Wunsch voranzukommen und sein eigenes Leben zu verbessern.

Es ist eine unglaubliche Kraft, die viele Menschen antreibt, obwohl sie vom Leben enttäuscht wurden. Es ist eine Kraft, die mich sehr berührt hat, da ich im Vergleich dazu ein relativ leichtes Leben hatte. Mir stellte sich die Frage:"Und du an ihrem Platz?" und dann begann ich zu beten:"Herr, sei du meine Kraft!" und "Herr, sende demjenigen deinen Geist, der nicht mehr kann, wenn die Entmutigung zu groß wird!"
Ohnmacht erleben

Ohnmacht angesichts des Leides der Nachbarn und auch des Schmerzes, der die Welt kennzeichnet, die mir dank der internationalen Gemeinschaft der Kleinen Schwestern immer vertrauter wurde. Das zu erleben, war herb und doch wichtig. Es machte mir meine eigene Dimension des Menschseins deutlicher. Das führte mich hin zum Gebet, zur Kontemplation des Kreuzes und ließ mich nachdenken über das Dasein, das Zuhören und das Annehmen meiner ganzen Armut. Seine Armut akzeptieren, das ist bestimmt eine Lebensaufgabe, ich bin noch fern davon, aber in mir gibt es die Sehnsucht, mich da weiter anfragen zu lassen.
Eine junge Katholikin verlässt ihre kleine Welt

Während meiner Zeit in Mulhouse empfing ich noch ein weiteres Geschenk: die Interkulturalität, die Interreligiösität, die Ökumene und ebenfalls eine anderes Bild der Kirche.

Begegnungen in der Fraternität Für eine Italienerin, die in einem katholischen Umfeld geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist, war es sehr bereichernd, in der katholisch-protestantischen Studentengemeinde mitzuwirken, einen Freiwilligendienst mit anderen Ehrenamtlichen verschiedener Glaubensüberzeugungen zu absolvieren, mit Menschen unterschiedlicher Herkünfte in einem Restaurant zu arbeiten und Anteil an Treffen zwischen unserer katholischen Gemeinde und der evangelischen Schwestergemeinde zu haben.

Es war schön, über Alltägliches zu diskutieren, mit dem protestantischen Pfarrer sprechen zu können, am Fest der Religionen teilzunehmen...