Viel mehr als eine Studienzeit...
Eindrücke aus El Salvador


Ich sitze wieder im Flugzeug Richtung Europa. Mein Herz ist noch voller Eindrücke nach diesen knapp zehn Monaten in unserer Gemeinschaft in Mejicanos, in El Salvador: So viele Gesichter sind in meinem Herzen lebendig, v.a. so viele junge Menschen; dann auch die herzlichen Begegnungen und die lebendigen Gottesdienste in unserer Basisgemeinde am Stadtrand von San Salvador; so viele Menschen, die sich engagieren und die versuchen mitzubauen an einem besseren Morgen.

Natürlich bleiben auch die Bilder der Gewalt in meinem Herzen eingegraben – seit Jahren wird das Land von einem unerbittlichen Bandenkrieg zerrissen, wo Mord und Erpressung trauriger Alltag sind.


Aber eigentlich war meine Zeit in El Salvador v.a. dem Studium gewidmet, zum Abschluss meiner Ausbildungszeit im Orden. Nachdem ich zuvor knapp fünf Jahre im Andenhochland von Ecuador gelebt und gearbeitet hatte, lag es nahe, auch diese Studienzeit in Lateinamerika zu verorten.

El Salvador hat mich schon seit vielen Jahren fasziniert: das Zeugnis von Monsenor Romero, dem 1980 ermordeten Erzbischof von San Salvador, und von so vielen Christinnen und Christen, die ihr Glaube zu einem entschiedenen Einsatz mit den und für die Armen geführt hatte, oft unter Einsatz ihres Lebens. Und natürlich auch das Lebenszeugnis der sechs Jesuiten, die 1989 - während des Bürgerkrieges - aufgrund ihres entschiedenen Einsatzes für Wahrheit und Gerechtigkeit ermordet wurden und an deren Universität ich nun studieren konnte.


Als Gasthörerin konnte ich mir relativ frei meine Vorlesungen und Kurse aussuchen. Ich war von Anfang an beeindruckt von der engen Beziehung zwischen dem Studium und unserem Leben bzw. dem Alltag im Land. Die „Befreiungstheologie“ bekam dadurch ein ganz konkretes Gesicht, und forderte mich immer wieder neu heraus. Jon Sobrino hielt uns unermüdlich die befreiende Botschaft Jesu von Nazareth vor Augen, seinen entschiedenen Einsatz für die Armen. Als Christinnen, als Christen müssen wir immer wieder neu Maßstab nehmen an Seinem Handeln, an Seinen Optionen, im Dienste der Armen.
Oft fragte ich mich sehr kritisch: was haben wir in den letzten 2000 Jahren aus Jesus und seinem Evangelium gemacht? Und wie lebe ich heute diese frohe Botschaft? Wie kann sie Gestalt annehmen in meinem, in unserem Alltag?
Oft war es gar nicht so einfach, darauf eine Antwort zu finden. Mitunter schien die Ohnmacht und Angst übermächtig angesichts der allgegenwärtigen Gewalt, der täglichen Nachrichten von Mord und Erpressung, auch bei uns im Viertel. Viele Menschen sind ohne Arbeit; die Jugendlichen sehen oft keine Perspektive für ihre Zukunft und schließen sich den Jugendbanden an; viele Kinder und Jugendliche sind sich selbst überlassen, da ihre Eltern arbeiten oder bei einem neuen Partner, einer neuen Partnerin leben…

Es waren v.a. die Menschen bei uns in der Pfarrei, die mir halfen, immer neu nach Antworten zu tasten, wie konkrete kleine Schritte in eine bessere Zukunft aussehen: die Mitarbeit in einer Organisation die sich um Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien kümmert (Hausaufgabenhilfe, verschiedene kreative Angebote, und v.a. auch ein warmes Mittagessen für alle!), ein kleines Projekt für Naturmedizin (fast niemand ist hier krankenversichert…), Jugendarbeit, die Begleitung erwachsener FirmbewerberInnen, etc.
Viele kleine Schritte, getragen von einer tiefen Hoffnung…


Diese Monate in El Salvador haben mich herausgefordert und bereichert. So oft scheinen wir gegen übermächtige Strukturen anzukämpfen, die uns ohnmächtig zurücklassen. Und doch bekam für mich in den Menschen die HOFFNUNG ein konkretes Gesicht: Trotz der Armut und der Gewalt glauben sie an eine bessere Zukunft.

Wagen wir es miteinander, diese Zukunft zu gestalten!



Kl. Sr. Christine