„Die eine große Menschheitsfamilie“
Migrantenpastoral in Frankreich

« Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen » - dieser Satz begleitet mich oft, seitdem ich im Referat für Migrantenpastoral der frz. Bischöfe arbeite. Ich bin eher durch Zufall zu dieser Stelle gekommen, entdecke aber immer mehr, wie ich mich gerade hier für Menschen einsetzen kann, die oft stigmatisiert und benachteiligt werden – und wie darin mein Glaube herausgefordert und bereichert wird…

 

Team der Migrantenpastoral

Pastoral für Menschen mit Migrationshintergrund – was bedeutet das konkret in meiner täglichen Arbeit?

Zunächst kommen mir da viele Gesichter und Lebensgeschichten von ausländischen Mitmenschen in den Sinn – Menschen, die ich manchmal persönlich kennengelernt habe, die mir geschrieben haben, oder von denen ich durch unseren MitarbeiterInnen in ganz Frankreich gehört habe. Viele ihrer Erfahrungen haben sich tief in meine Seele eingeschrieben:

- Ein Jugendlicher aus dem Kongo, der sich seit mehreren Monaten mit anderen in der Gruppe „Junge Menschen aus aller Welt“ trifft, sagt uns, dass er hier das erste Mal den Eindruck hat, ernstgenommen zu werden, wichtig zu sein, zu „existieren“.
- Eine ausländische Mitchristin erzählt von ihren Erfahrungen in der Pfarrei: wie sie immer zunächst „Ausländerin“ ist, anstatt Schwester im Glauben. „Wann werden mich die anderen endlich als Mitchristin, als Mitmensch und nicht als Ausländerin ansehen?“ „Wann wird mir endlich jemand ‚Guten Tag‘ sagen, wenn ich zur Kirche komme?“

-Ich denke an verschiedene Gottesdienste, wo ich mit Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam meinen Glauben feiern konnte: in unterschiedlichen Sprachen und Liedern, in der Schönheit ihrer traditionellen Kleidung, im ehrlichen Miteinander ganz unterschiedlicher Menschen, die wir uns im Glauben an Jesus Christus zusammenfinden.
- Ich denke an die unzähligen Haupt- und Ehrenamtlichen, die AsylbewerberInnen in ihrem Asylantrag begleiten: bei der Vorbereitung der Papiere, auf dem Ausländeramt, die mit ihnen nach einer Unterkunft suchen, nach einer Schule für die Kinder, nach einer Arbeit…, um ihnen so nach den oft traumatischen Situationen in ihren Herkunftsländern ein Leben in Würde zu ermöglichen.

Gottesdienst der Migrantenpastoral in Nantes


All diese Erfahrungen fragen mich an: in meinem Menschsein, in meinem Christsein. Sie fordern mich heraus, nach Wegen zu einem menschenwürdigeren Miteinander zu suchen: hier vor Ort in Frankreich, aber auch im weltweiten Kontext - denn wie oft sind unsere westlichen Gesellschaften und Wirtschaftsunternehmen verstrickt in die Ausbeutung der Menschen in den südlichen Ländern! Ich kann mich nicht ruhig damit abfinden, dass es mir gut geht, ich zu essen habe, ein Dach über dem Kopf, während unzählige Millionen Menschen Tag um Tag ums Überleben kämpfen, vor Krieg, Verfolgung, Naturkatastrophen oder Hunger auf der Flucht sind.

Als MitarbeiterInnen der Migrantenpastoral arbeiten wir eng mit sozialen Organisation zusammen, um uns für ein funktionierendes Asylrecht und eine menschenwürdige Aufnahme von AusländerInnen einzusetzen. In der Zusammenarbeit mit anderen kommen vielfältige Kompetenzen zusammen, juristische und soziale; sie ermöglicht aber auch vielfältige Kontakte vor Ort, um die Menschen bei der Suche nach einer Wohnung, Arbeit, Gesundheitsversorgung etc. zu unterstützen. Zugleich stellen wir immer wieder ernüchternd fest, dass wir längst nicht allen helfen können – und das ist nicht immer einfach… Bei anderen stellt sich die Frage nach einer Rückkehr in ihr Herkunftsland – nicht für alle kann die Zukunft hier in Frankreich liegen; welche Hilfen sind möglich, welche Unterstützung für Projekt vor Ort?

Bei diesem Einsatz gibt mir auch mein Glaube immer wieder Kraft und Orientierung: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, so sagt uns Jesus im Matthäusevangelium. Ja, gerade in den Armen und Ausgegrenzten ist Gott gegenwärtig, und unser Einsatz für die Menschen ist immer wieder Brücke zu Gott, wo Seine unbedingte Liebe zu jedem Menschen konkret wird. ER ist der Vater aller Menschen, und so sind wir einander Schwestern und Brüder in der einen großen Menschheitsfamilie. Das erinnert mich an Charles de Foucauld, der ja der „Bruder aller Menschen“ werden wollte!

Leider ist unser alltägliches Miteinander oft weit davon entfernt: Das Fremde und Andere macht oftmals Angst, ist unverständlich; die Wirtschaftskrise lässt uns um unsere Arbeitsplätze bangen – da scheint schnell jede ausländische Arbeitskraft als ungeliebte Konkurrenz. In den Großstädten, wo unterschiedlichste Kulturen zusammenleben, wird die Unterschiedlichkeit oft als Bedrohung erlebt.

In der Migrantenpastoral ist es für uns von zentraler Bedeutung, nicht bei den „allgemeinen Ideen“ und Vorurteilen über AusländerInnen stehen zu bleiben, sondern uns auf konkrete Begegnungen einzulassen. Dann wird der Ausländer auf einmal zu einem Menschen: mit einer Geschichte, einer Familie. Wie wenig wissen wir oft von ihrer Odyssee, von ihrem Weg durch Wüsten, über Meere, durch Auffanglager etc., von all den demütigenden Erfahrungen, die sie machen müssen. Ein togolesischer Asylbewerber, der sich unter menschenunwürdigen Umständen in einem Auffanglager in Griechenland widerfand, fragt uns klagend: „Was habe ich denn Unrechtes getan, um so behandelt zu werden?? Das einzige, was ich getan habe: ich habe es gewagt, mich in meinem Heimatland für Freiheit und Gleichberechtigung einzusetzen“ Hat er es damit verdient, als Verbrecher behandelt zu werden?

Tamilische Christen bei der Gabenprozession

Die Begegnung mit ausländischen MitbürgerInnen oder Mitchristen wird oft auch zu einer großen Bereicherung: in der Begegnung mit ganz anderen Kulturen, Gewohnheiten, Traditionen.

Als ich vor kurzem an einer indischen Verlobungsfeier teilnahm, war mir vieles zunächst fremd; ich war beeindruckt von den vielfältigen Gesten, Farben, Gerüchen, den wunderschönen Saris; ich war berührt davon, den starken Familienzusammenhalt zu spüren, der in schwierigen Situationen sicher auch eine wichtige Stütze sein wird. Und ich war staunend dankbar, dass ich an diesem Tag einfach ein bisschen „zur Familie gehören durfte“.

Und das ist vielleicht der Traum, der mich immer wieder bei meiner Arbeit leitet: dass wir als Menschen irgendwann zu einer großen Familie zusammenwachsen, so wie es Papst Benedikt XVI als Thema für den Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2011 ausgesucht hatte: „Eine einzige Menschheitsfamilie“. Ja, versuchen wir Tag um Tag ein paar kleine Schritte in diese Richtung zu gehen!

Kl. Sr. Christine


Für Französischsprechende:
Video der Migrantenpastoral zum Weltmigrantentag 2013