"Das aufkeimende Leben unterstützen..."
Das Zentrum "Kay Chal" in Haiti

Nach dem Erdbeben am 12. Januar 2010 stand Haiti hilfloser als je zuvor vor all den Opfern; man fragte sich: Wie sollen wir in all dem noch leben? Aber sehr schnell keimte aus den Trümmern neues Leben, und jene, die dem Tod entkommen waren, fühlten eine große Verantwortung, einen Schub neuer Lebenskraft, obwohl alles zerstört und zerbrochen war.

In dem Viertel, wo wir Kleinen Schwestern seit 23 Jahren leben, haben wir uns gefragt, wie wir als Gemeinschaft auf diese Situation antworten können, um das aufkeimende Leben zu unterstützen. Es waren v.a. die jungen Menschen, auf die wir aufmerksam wurden, aufgrund ihrer verzweifelten Situation.

Nach und nach entstand die Idee, ein kleines Kulturzentrum zu gründen für all die jungen Menschen des Viertels, die einen Ort brauchen um zu lernen, Recherchen zu machen, eine/n Begleiter/in zu finden, und auch für die Kinder, die in der Schule nicht mitkommen, da sie bereits als Haushaltshilfen arbeiten müssen.

Die Zielsetzung des Zentrums war so von Anfang an klar; im Laufe des Jahres haben wir uns bemüht, die als vorrangig eingestuften Bedürfnisse konkret zu fassen.

Am 1. Dezember 2010, an diesem für die geistliche Familie Charles de Foucaulds so wichtigen Datum [Gedenktag Charles de Foucaulds, der am 1. Dezember 1916 getötet worden war], wurde das Projekt eingeweiht. Das Kulturzentrum heißt künftig "Kay Chal vin aprann" (das Ausbildungszentrum Charles de Foucauld).
Mit 15 Jugendlichen, die aufgrund ihrer Arbeit als Haushaltshilfen Probleme mit den schulischen Anforderungen hatten, begann Milourde, die junge haitianische Schwester, dieses Abenteuer und hieß die Jugendlichen Willkommen! Während des ganzen Jahres haben wir ihre Fortschritte gesehen, wie sie nach und nach selbstsicherer wurden, Verantwortung übernahmen und besser die Beziehungen zu anderen gestalten konnten, allein aufgrund der Tatsache, in die Schule gehen zu können.

Im September stießen zwei junge Volontäre, von Beruf Sonderschullehrer, zu uns, die ihre Fähigkeiten fünf Monate lang in Haiti einbringen wollten. So vervielfältigten sich die Angebote: eine Bibliothek (dank der Zusammenarbeit mit der Organisation BSF - "Bibliothek ohne Grenzen"), Informatik (für Recherchen), handwerkliche Angebote, Malen, Theater, Sport, verschiedene Freizeitangebote. Dieser Neubeginn ermöglicht uns einen großen Schritt nach vorne und jede/r bringt sich mit seinen Fähigkeiten in dieses Abenteuer ein. Für die jungen Volontäre bedeutet dies die Begegnung mit einer anderen Kultur mit all dem, was dies mit sich bringt, und für uns Schwestern ist es einfach schön zu sehen, wie die jungen Leute sich immer mehr in "ihrem" Zentrum einbringen, auf der Suche nach etwas...

Die jungen Leute, die das Zentrum besuchen, geben uns die Gewissheit, dass das Projekt einem wirklichen Bedürfnis entspricht. Voller Freude stellen wir fest, dass die jungen Menschen - über die Angebote und die erreichten Ergebnisse hinaus - weitere Fähigkeiten erwerben. Sie lernen, in einer anderen Weise miteinander umzugehen; sie können annehmen, bei einem Spiel auch einmal zu verlieren, ohne sich deswegen als Außenseiter zu erleben; sie entwickeln die Fähigkeit, Konflikte mit den anderen positiv zu gestalten, und sie entdecken, dass Erziehung und Bildung auch außerhalb des schulischen Rahmens möglich sind. Dies ist eine Herausforderung und zugleich eines der Ziele des Projektes "Kay Chal". Durch unser Mitleben im Viertel können wir daran glauben, dass ein solches Bildungsprojekt hier am rechten Platz ist, aber es bleibt die Aufgabe, die Mentalitäten und Gewohnheiten zu verändern. "Wir haben das aber doch immer so gemacht..." müssen wir oft hören. Es braucht Zeit und viel gegenseitiges Vertrauen, um neue Erziehungsmethoden einzubringen, damit das Leben wieder "sprudeln" kann, trotz gewisser Hemmnisse, die sein Wachstum behindern.

Ja, Haiti wählt das Leben, trotz all dem, was es auf seinem Weg lähmt, und "Kay Charles" steht auch anderen jungen Menschen offen, die ihre Fähigkeiten in einem anderen Land, einer anderen Kultur, einem anderen Volk einbringen wollen.