Den Stummen eine Stimme geben:
Begegnungen mit Romafamilien

Roma, Zigeuner, Sinti, Manusch - es gibt viele Namen, um dieses Volk mit seinen verschiedenen Gruppen zu beschreiben. Sie sind die größte Minderheit Europas, oft verfolgt und diskriminiert, vielen fremd. In den letzten Jahren wurden sie hier in Frankreich (und wohl nicht nur hier!) immer mehr zum Sündenbock der Gesellschaft. Als die französische Regierung im Sommer 2010 viele illegale Roma-Camps gewaltsam auflöste und die Familien nach Rumänien auswies, stieß dies auf große öffentliche Zustimmung. Wer aber sind diese Menschen?

Eine Initiative der Caritas in der Diözese Seine-Saint-Denis (bei Paris) lud junge Menschen zur Begegnung mit Romafamilien ein: "Solidarische Ferien: nützlich sein, die Kultur der Roma entdecken, Familien begleiten, eine Vertrauensbeziehung aufbauen!" - so war das Projekt für Juli/August ausgeschrieben. Jeweils eine Woche ihrer Ferien verbrachten die jungen Menschen mit Romafamilien in verschiedenen Projekten hier in der Diözese.

Die Teilnehmenden, unter ihnen viele Studierende, brachten ihre Neugierde und ihr Interesse mit, ihre Hilfsbereitschaft, aber auch ihre Unsicherheit: Wer sind diese Roma? Kann ich wirklich in Kontakt mit ihnen kommen?

Verschiedene Aktivitäten in bestimmten "Roma-Dörfern" (Wiedereingliederungs-projekte, wo zwischen 70 und 120 Roma zusammenleben) ermöglichten, in Kontakt zu kommen: Spiele mit den Kindern, ein gemeinsamer Grillabend, Tanz und Musik, Ausflüge in die Umgebung. Das konkrete Miteinander in der Durchführung bot Gelegenheit, persönlich ins Gespräch zu kommen: beim Kochen und Vorbereiten (mit den Frauen) oder bei einem gemeinsamen Kaffee (unter Männern). "Die Roma" bekamen ein konkretes Gesicht, eine konkrete Lebens- und Familiengeschichte.

Die Teilnehmenden waren sehr zufrieden mit den bereichernden Begegnungen mit den Romafamilien. Diese Tage ermöglichten ihnen, sich wirklich auf dieses ganz andere Volk und seine Kultur einzulassen. Zugleich entdeckten sie dabei, wie "anders" diese Menschen auch sind und dass es gar nicht so einfach ist, dieses Trennende zu überwinden. "Wir waren misstrauisch - die Roma gegenüber uns Fremden, und wir gegenüber ihnen." Und zugleich die Einladung zu wirklicher Begegnung: über seine eigenen Ideen hinausgehen; eine andere Art und Weise entdecken zusammenzuleben, Mensch zu sein; nicht urteilen und sich verschließen, sondern sich öffnen, kennen lernen, Begegnung wagen.

Während der Woche waren die Teilnehmenden bei uns in der Fraternität untergebracht: einem ehemaligen Pfarrhaus, das wir Kleine Schwestern nun als Haus der Gastfreundschaft für junge Christen gestaltet haben. So hatten sie nach den verschiedenen Aktivitäten mit den Roma auch Zeit, sich abends in der Gruppe, mit den Begleitern der Caritas und mit uns Schwestern auszutauschen: Erfahrungen, Eindrücke, Fragen... Durch Filme und andere Materialien konnten sie die Geschichte, die Kultur und die heutige Situation der Roma in Frankreich und Europa vertiefen. Auch viele konkrete Fragen kamen dabei zur Sprache: Arbeits- und Wohnungssuche, die Integration der Kinder und Jugendlichen ins hiesige Schulsystem, Umgang mit Gewalt und Aggression, die Rolle von Frau und Mann, religiöse Prägungen, die Schwierigkeiten der jungen Roma, hier ihren Platz zu finden. Und immer wieder auch die Frage, wie es uns als Gesellschaft gelingen kann, als Menschen aus verschiedenen Kulturen, Religionen, Nationalitäten zusammenzuleben.

Auf vieles fanden wir keine einfachen und schnellen Antworten - "Gott sei Dank!" . Interkulturelle Begegnung will Gestalt annehmen in unserem konkreten Leben, will reifen, auch durch Unverständnis und Fragen hindurch. Sie fordert uns immer wieder heraus, über uns selbst hinauszugehen und uns gegenseitig in unserem Anderssein anzunehmen.

In der Auswertung der Woche kamen einige Ausdrücke immer wieder vor: "Begegnung", "Bewusstseinsbildung", "entdecken", "teilen". Diese "solidarischen Ferien" haben ermöglicht, Menschen einer Minderheit kennen zu lernen, mit denen viele im Alltag nie näher Kontakt haben. Vorurteile kamen zur Sprache und wir konnten uns damit auseinandersetzen (so das alte Vorurteil "Das sind doch alles Diebe!", das durch die Erfahrung korrigierte wurde: "Aber die arbeiten ja!"). Ein Teilnehmer meinte am Ende der Woche: "Meine Vorstellung von den Roma hat sich sehr verändert!" Die Roma bekamen ein konkretes Gesicht: "Das sind Menschen, Personen, und keine Schlagzeilen in der Zeitung", wie eine Teilnehmerin sagte. Die eine oder der andere sagte auch ganz konkret: "Ich will jetzt auch an meinem Wohnort schauen, was ich dort machen kann."Ein erster Schritt, hinzuhören auf jene, die oft keine Stimme mehr haben in unserer Gesellschaft.

Natürlich ist eine Woche sehr kurz. Mancher brachte am Ende auch seine Schwierigkeiten und Grenzen zum Ausdruck: "Ich schaffe es nicht, wirklich in Kontakt zu kommen; ich fühle mich immer als Beobachter." Aber für viele war diese Woche wie eine Türe, die sich geöffnet hat: persönliche Begegnungen wurden möglich, von Mensch zu Mensch, trotz oder gerade in unserer Verschiedenheit.


(Artikel veröffentlicht in der Zeitschrift "Mitten in der Welt", Ausgabe Oktober 2011)