Wie können wir die Spiritualität Charles de Foucaulds
heute leben ?

Von Kl. Sr. Anna aus Bari (Italien)

In der geistlichen Familie Charles de Foucaulds versuchen wir ein kontemplatives Leben mit den vielfältigen Aktivitäten eines missionarischen Lebens im Dienst der Kirche und der Menschheit zu verbinden. Dasselbe Ideal finden wir im Leben von Charles de Foucauld, insbesondere in den letzten 12 Jahren seines Lebens.

Ich habe in verschiedenen Gemeinschaften in Europa gelebt, und auch einige Gemeinschaften in anderen Kontinenten kennengelernt. Überall hat es mich mit Freude erfüllt, das Leben mit armen und einfachen Menschen zu teilen, und dabei zugleich die Erfahrung zu machen, dass ich etwas dazu beitragen kann, dass es ihnen besser geht und sie unter menschenwürdigeren Bedingungen leben können. Das Teilen des Lebens und die Solidarität mit den Menschen führen dazu, dass auch unser Gebet und unsere Kapelle zu Orten des Friedens werden, wo unsere Freunde und Nachbarn ihre Sorgen ablegen können.


Derzeit lebe ich in der Fraternität in Bari. Ich führe hier die Arbeit einer anderen kleinen Schwester weiter, die bei der Gründung einer solidarischen Organisation mitgewirkt hatte. Es ist eine Art Secondhand-Kleiderladen, wo man zum einen Gebrauchtes kaufen kann, wo Bedürftige aber auch mit einem Punktesystem die Möglichkeit haben, einiges umsonst zu erhalten.

Diese Aufgabe entsprach eigentlich gar nicht meinen Fähigkeiten, und ich dachte, dass ich der Leitung dieses Projekts und den vielfältigen Verantwortungen nicht gewachsen bin. Aber nach drei Jahren Dienst kann ich sagen, dass ich wirklich das Hundertfache bekommen habe. Ich habe nicht nur viel dazugelernt, sondern auch Neues entdeckt: wenn ich beispielsweise jemandem ein Kleidungsstück gebe, und dies mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit tue, so kann dies für mich zu einer Schule des Evangeliums werden.



Für die reichen Leute ist Kleidung relativ, aber für arme Menschen ist es eine Möglichkeit, ihre Würde zu wahren. Die Menschen, die zu uns in den Laden kommen auf der Suche nach Kleidung, suchen darin eine Möglichkeit, zu sozialer Wertschätzung zu finden; es ist für sie ein Weg, zu ihrer Würde und sozialer Anerkennung zurückzufinden.

Ich erinnere mich noch gut an eine wohnsitzlose Frau, die am Bahnhof schlief. Sie kam regelmäßig, wir kannten uns gut. Eines Tages kam sie zu uns und erzählte, dass sie zur Hochzeit ihrer Tochter in einer anderen Stadt eingeladen ist.
Sie wollte gerne hingehen, aber sie wollte nicht, dass ihre Tochter dadurch entdeckt, in welcher Situation sie lebt. So haben wir uns ans Werk gemacht und nach einer Viertelstunde war sie neu eingekleidet, von den Füssen bis zum Kopf: ein schönes schwarzes Kleid, eine elegante Feinstrumpfhose, High Heels, und eine Pelzjacke, die sie wie eine elegante Frau aussehen ließen. Ich sah der Frau beim Ankleiden zu, wie sie sich im Spiegel betrachtete und zu sich selbst sagte: „ja, so bin ich würdig, meine Tochter zum Altar zu begleiten.“


Erstaunt habe ich den Text entdeckt, den Charles de Foucauld gegen Ende seines Lebens schrieb: „Blaue Baumwollstoff zu vernünftigen Preisen zu verkaufen, das ist eine ganz konkrete Weise, alle Leute anzuziehen, eine Weise, alle Türen zu öffnen, das Eis zu brechen.“
« Wie können wir Apostel sein? So wie es am besten ist für die Menschen, an die wir uns wenden; unterschiedslos gegenüber allen durch Güte, Zärtlichkeit, freundschaftliche Zuwendung… mit manchen, ohne jemals von Gott zu sprechen; sich gütig erweisen wie Gott, lieben wie ein zärtlicher Bruder und beten…“

Ich danke Gott für all die einfachen und demütigen Menschen, die meinen Weg gekreuzt haben. Sie sind für mich wie ein Schatz, der nicht altert, der nicht vergeht, und wahrscheinlich wird er so bleiben, bis wir uns eines Tages alle wieder zum Festmahl zusammenfinden, im Haus des Vaters.



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