"Das Leben ein klein wenig menschlicher machen..."

Kl. Sr. Maryse lebt in der Gemeinschaft der Kleinen Schwestern in Mejicanos, am Stadtrand von San Salvador in Zentralamerika. Der Alltag in dieser Stadt ist gezeichnet von der Gewalt zwischen rivalisierenden „Maras“ (Jugendgangs); Mord und Erpressung sind an der Tagesordnung. Die extrem hohe Arbeitslosigkeit sowie schwierige Familienverhältnisse machen es vielen Kinder und Jugendlichen schwer, eine Perspektive für ihr Leben zu finden.
Die Nichtregierungsorganisation „Fondation Amor“ ist eine von vielen Initiativen die versucht, junge Menschen zu begleiten und einen Ausweg zu suchen aus diesem Teufelskreis von Gewalt. Kl. Sr. Maryse erzählt von ihrer Arbeit in dieser Fondation: von dem Versuch, ein klein wenig Licht und Hoffnung in das Leben der Kinder und Jugendlichen zu bringen.
"Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben" - dieses Wort aus dem Evangelium könnte man über diese Arbeit stellen. Jenen zu Hilfe kommen, die hungrig sind: hungrig nach einem Mittagessen, das sie in der Fundation bekommen, aber auch hungrig nach menschlicher Nähe, nach Angenommensein, nach Wertschätzung:

"Seit 2003 arbeite ich in der « Fondation Amor“, deren Ziel es ist, Kindern und Jugendlichen aus Mejicanos, die in gefährdeten Situationen leben, eine ganzheitliche Begleitung anzubieten. Mehr als 1000 Kinder wurden seit der Gründung vor 17 Jahren begleitet.

Ich möchte Ihnen gerne die Geschichte von L. erzählen, die zu den ersten begleiteten Kindern gehört, und die Kl. Sr. Alice vor mir schon begleitet hat. Sie war damals noch sehr klein, mittlerweile ist sie selbst Mutter einer kleinen Tochter, aber sie hat nie aufgehört, weiterhin in die Fondation zu kommen; mittlerweile kommt sie zum Saubermachen, um sich so ein wenig Geld dazuzuverdienen. Sie ist in einer sehr armen Familie zur Welt gekommen. Dank eines Hausbauprojektes konnte die Familie ein eigenen Haus haben, im selben Viertel „Jardin“, wo auch wir wohnen.

Kl. Sr. Maryse im Stadtviertel "Jardin", wo die Kleinen Schwestern leben

Anders als andere Familien konnten sie ihr Haus nie zu Ende bringen; der Boden ist weiterhin ein Lehmboden. Die Mutter hatte sieben Kinder, von denen nur zwei im Geburtsregister des Bürgermeisteramtes registriert wurden. Sie hat große psychische Probleme und immer wieder nervöse Anfälle. L ist das zweite Kind. Dank Alice konnte sie in die Fondation aufgenommen werden, und dank ihrer Ausdauer hat sie ihr Abitur geschafft, im Abendstudium, denn tagsüber hatte sie verschiedenen kleine Arbeiten: Putzen, Wäschewaschen…

Im Alter von 17 Jahren kam sie mit einem jungen Mann zusammen, der Wassertüten verkaufte – eine Arbeit, mit der man gerade mal so viel verdient, um nicht zu verhungern, aber sie mussten ja auch die Miete des Zimmers bezahlen, wo sie wohnten… Kurz darauf wurde sie schwanger. Dank der Fondation wurde sie in einer anderen NGO, mit der die Fondation zusammenarbeitete und wo die Kinder kostenlos behandelt wurden, medizinisch betreut. Der Arzt hat sie freundschaftlich begleitet, und diese Freundschaft dauert bis heute. Während der Schwangerschaft habe auch ich sie begleitet, damit sie sich offiziell registrieren lässt, und auch ihr Kind einschreibt. Dank der Menschenrechtsstelle der Jesuitenuniversität UCA kam sie endlich zu ihrer ersten Geburtsurkunde und zu ihrem ersten Personalausweis - was für ein Sieg! Als ihre Tochter zur Welt kam, bat sie den Arzt der Frauenklinik, sie zu sterilisieren, denn sie wollte nicht wie ihre Mutter Kinder zur Welt bringen, ohne ihnen einen Namen geben und eine Ausbildung bieten zu können, die sie auf die Zukunft vorbereitet. Ihre Tochter wurde mit ihren beiden Eltern – Vater und Mutter – eingetragen, was nicht immer der Fall ist.

L. lebt sehr ärmlich mit ihrem Lebensgefährten D., der nun eine Arbeit als Nachtwächter hat; manchmal geht es in ihrer Ehe sehr „stürmisch“ zu, und jeder geht seinen eigenen Wegen nach; aber nach einigen Tagen sind sie wieder zusammen. Sie brauchen einander - auch, um mit der Krankheit ihrer Tochter fertig zu werden, die sie über alles lieben. K. hatte immer wieder epileptische Anfälle; während einer Untersuchung des Gehirns vor etwa einem Jahr hat man einen bösartigen Gehirntumor entdeckt, und dank des Arztes, den ich vorhin schon erwähnt habe, erhält sie die notwendige Therapie in einer privaten Klinik. Wie lange wird sie leben können? Alle drei leben von Tag zu Tag, ohne Projekte für die Zukunft. Die Kleine ist nun sieben Jahre alt.

Die Geschichte von L. ist eine der zahllosen Geschichten, die ich euch erzählen könnte, und wo die Fondation versucht, das Leben ein klein wenig menschlicher zu machen durch verschiedene Hilfen, das Zuhören, die Aufmerksamkeit, die sie den Kindern entgegenbringt. Manche sind mehrere Jahre in der Fondation geblieben, andere nur einige Wochen oder Monate.

Einige haben wir aus den Augen verloren, andere kommen wieder mit ihren eigenen Kindern, und es ist schön zu sehen, dass sie es geschafft haben. Andere hingegen sind getötet worden, von der Gewalt in ihrer Kindheit oder Jugendzeit ausgelöscht.

Treffen der Kleinen Schwestern vom Evangelium in El Salvador


Dank der Fondation habe ich viele Familien kennenlernen und besuchen können, unzählige Familiendramen gehört, bin Zeugin geworden von unmenschlichen Situationen von Gewalt, Ungerechtigkeit und Missbrauch unterschiedlicher Art. Manchmal habe ich ein kleines Licht der Hoffnung in diese Leben bringen können, die so durch die Armut und alles, was diese mit sich bringt, geprägt sind. Es ist mehr als nur eine Arbeit, es ist eine Aufgabe, eine Sendung, und wenn ich darin ein wenig geben konnte, so habe ich doch viel mehr bekommen.
Wie sagte Mgr. Romero: „Die Armen evangelisieren uns“. "

Kl. Sr. Maryse