Existiert Gott? Erfahrungen in der Gefängnisseelsorge

An diesem Samstagmorgen traf sich im Gefängnis wieder die Bibelgruppe. Als ehrenamtliche katholische Gefängnisseelsorgerin treffe ich mich alle zwei Wochen mit dieser kleinen Gruppe, an der zwischen vier und zehn Personen teilnehmen. Ebenfalls alle zwei Wochen treffe ich mich mit einigen Erwachsenen, die sich auf die Erstkommunion vorbereiten möchten. Einmal im Monat leite ich sonntags mit einer kleinen Gruppe Ehrenamtlicher aus der Umgebung eine Wortgottesfeier, zu der 20 bis 35 Gefangene zusammenkommen.

Heute Morgen fragte ich C., der erstmals zur Bibelgruppe kam, was ihn dazu motiviert hat. Er erzählte gleich sehr offen: "Ich bin gläubig. Das war nicht immer so. Aber eines Tages hat sich alles verändert: Ich war auf meinem Traktor unterwegs und verteilte Dünger. Das Gelände war sehr steil, und mein Traktor ist umgestürzt. Ich befand mich vor dem Traktor, mein Fuß steckte unter einem der Räder fest. Ich hätte sterben können, zerquetscht unter dem Traktor, wie es so oft passiert... Aber ein Gerät, das ich vorher hätte entfernen sollen, hatte den Traktor angehoben, so dass ich nur einige Brüche an Hüfte und Knöchel hatte. Ich sah das als Zeichen Gottes, den ich vergessen hatte ... Dieses Erlebenis hat mich allerdings nicht daran gehindert, ziemlich üble Sachen zu machen – weswegen ich nun hier im Gefängnis bin." Das Erzählen von C .führte unseren Austausch in eine große Tiefe und Ehrlichkeit.

Wenig später kamen wir auf die Barmherzigkeit Gottes und Vergebung zu sprechen. T., der mittlerweile zur Gruppe zugestoßen war und gleich gesagt hatte, dass es ihm nicht besonders gut gehe, fing an zu erzählen: "Ich werde niemals der Person vergeben können, die mich ins Gefängnis gebracht hat. " T. sprach von der Ungerechtigkeit, die er erlitten hatte, und sagte abschließend: " Ich bin voller Hass. Ich kann nicht vergeben! "Als andere Teilnehmer ihn danach fragten, was er machen werde, wenn er aus dem Gefängnis entlassen wird, fügte er hinzu: „Ich werde mich nicht rächen. Das würde nur dazu führen, mich wieder hierher zurückzubringen. Ich überlasse es Gott, sich darum kümmern... " Als ich T. am Ende verschiedene Bücher zum Lesen vorschlug, wählte er das Buch von Tim Guénard: "Stärker als der Hass."

Beim Gottesdienst am Ostersonntag ergriff D. das Wort: "Ich möchte Gott danken. Ich bin in allem erhört worden, um was ich gebeten hatte, und habe Frieden gefunden.“ Ich bat ihn, den anderen zu erklären, was passiert war. So fuhr er fort: "Ich war voller Hass. Ich konnte meinem Anwalt nicht verzeihen, dass er verschiedene Dinge in meiner Akte nicht berücksichtigt hatte. Ich war innerlich voller Gewalt. Und dann dachte ich an den Satz des Vaterunsers: ‚Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern‘. Ich dachte auch an das, was die Ordensschwester in der Bibelgruppe gesagt hatte.“ Schließlich sagte er voller Freude: "Ich habe es geschafft zu vergeben!“


An einem anderen Tag sprachen wir über das Evangelium von der Begegnung des auferstandenen Jesus mit Maria Magdalena. D. blieb an dem Satz hängen: "Geh und sage meinen Brüdern, dass ich zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott hinaufgehe." Er war völlig verblüfft und nahm die Worte tief in sich auf: "Jesus nennt uns ‚seine Brüder‘? Der Vater Jesu ist unser aller Vater? Das ist großartig! Wenn man die Bibel alleine liest, versteht man überhaupt nichts, aber mit euch zusammen versteht man vieles ganz neu! "

Eine andere Erfahrung ist mir seit dem Palmsonntag sehr präsent. Da wir keinen Priester hatten, beteten wir zunächst den Kreuzweg miteinander, nahmen uns dann Zeit zur Kreuzverehrung. Einer der Ehrenamtlichen hatte ein großes Taizé-Kreuz mitgebracht, das wir auf ein rotes Tuch gelegt hatten. Vor meinem inneren Auge sehe ich immer wieder die dreißig Gefangenen, die alle schweigend um das Kreuz knieten. Das Licht der Kerzen, die auf dem roten Tuch standen, spiegelte das Gebet wider.



Ich danke Gott, dass er jeden Menschen voller Liebe und Barmherzigkeit anblickt, unabhängig von seiner Vergangenheit, seinen Fehlern ... Wie sehr ist Sein Wort ein Wort des Lebens!
Und ich bin dankbar, dass ich mich in Seinen Dienst stellen kann, um gerade jenen nahe zu sein, die Schweres durchmachen. Und wieviel wird mir selbst in diesen Momenten geschenkt, die ich mit den Gefangenen verbringen kann.

Manchmal scheint uns der Gott unserer Kindheit sehr weit weg. Wir können uns fragen, ob wir eigentlich wirklich noch glauben. Und dann werden uns auf einmal solche Momente der Gnade geschenkt, in denen wir spüren: Ja, Gott existiert – im Gefängnis bin ich ihm begegnet.

Kl. Sr. Marie-Françoise, Bonnefamille/Frankreich